Nackt.
Hässlich.
Ein Original.
Was mich ein Nacktmull über Fotografie, künstliche Intelligenz und die Kunst des Unternehmertums gelehrt hat.
- 14. Oktober 2026
- 7 Min. Lesezeit
- Bielefeld
Vor drei Jahren war es ein Clown. Dieses Mal ging es um Nacktheit. Wer jetzt an eine besonders ausgelassene Unternehmerveranstaltung denkt, den muss ich enttäuschen. Oder vielleicht auch nicht.
Bei meiner ersten Jahresveranstaltung des KompetenzNetz e. V. stand in der Kunsthalle Bielefeld ein Clown auf der Bühne. Nicht unbedingt das, was man auf einem Unternehmerabend erwartet – und vielleicht genau deshalb bis heute in Erinnerung geblieben. Drei Jahre später ging es in die Founders Foundation. Die Hauptrolle spielte diesmal ein nahezu haarloses Nagetier: der Nacktmull. Meine erste Frage war, was dieses Tier mit uns Unternehmern zu tun haben könnte. Heute weiß ich: eine ganze Menge.WARUM SICH EIN ZWEITER BLICK LOHNT
Zu Gast war der Naturfilmer und Regisseur Herbert Ostwald. Ihm geht es nicht um spektakuläre Tieraufnahmen, sondern um das, was hinter dem Offensichtlichen liegt. Der Nacktmull ist dafür ein wunderbares Beispiel: Äußerlich erinnert er an eine zu groß geratene Maus, die bei der Verteilung der Schönheit nicht ganz vorne in der Schlange stand. Doch je länger Ostwald erzählte, desto faszinierender wurde das Tier. Nacktmulle leben in komplex organisierten Kolonien unter der Erde, werden für Nagetiere erstaunlich alt und sind wegen ihrer besonderen Mechanismen rund um Alterung und Krebserkrankungen ein spannendes Forschungsobjekt. Ich musste daran denken, wie schnell wir im Berufsalltag Menschen, Ideen oder Entwicklungen einordnen. Das ist menschlich und oft auch notwendig. Trotzdem frage ich mich, wie viele Möglichkeiten uns dadurch entgehen. Manchmal braucht es einfach etwas mehr Neugier – und einen zweiten Blick.WENN AUS EINER TIERGESCHICHTE EIN FILMPROJEKT WIRD
Richtig aufmerksam wurde ich, als es um die Dreharbeiten ging: Kameratechnik, Licht, Bildgestaltung – Themen, die mich seit vielen Jahren beruflich begleiten. Nacktmulle verbringen fast ihr ganzes Leben in unterirdischen Tunneln, die für ein Kamerateam praktisch unzugänglich sind. Ostwald berichtete von eigens entwickelten Konstruktionen, künstlich angelegten Tunnelsystemen und der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern. Für eine seiner Produktionen waren rund 45 Drehtage nötig.
Ich musste schmunzeln. Nicht, weil ich den Aufwand übertrieben fand, sondern weil ich genau weiß, wie viel Geduld, Vorbereitung und Improvisation in solchen Bildern steckt. Gleichzeitig ließ mich eine Frage nicht mehr los: Würden wir einen solchen Aufwand heute überhaupt noch betreiben – oder einen Teil dieser Aufnahmen mit künstlicher Intelligenz erzeugen?
ZWISCHEN ECHTER BEOBACHTUNG UND KÜNSTLICHER WIRKLICHKEIT
Bei Hirschmeier Media verbinden wir klassische Fotografie mit CGI und KI, und ich finde diese Entwicklung ausgesprochen spannend. Für mich ist sie nicht der Untergang der Fotografie, sondern ein neuer Werkzeugkasten.
Ostwalds Vortrag hat mir aber noch einmal gezeigt, worauf es ankommt: Auch Naturfilmer arbeiten mit Hilfsmitteln und nachgebauten Lebensräumen. Entscheidend ist, ob das Gezeigte der Wirklichkeit entspricht und ob der Zuschauer weiß, was er sieht. Mit KI wird genau diese Unterscheidung schwieriger.
04 VIELLEICHT WIRD DAS ECHTE WIEDER WERTVOLL
Je realistischer KI-Bilder werden, desto schwerer lassen sich Realität und Simulation unterscheiden. Gleichzeitig wird in der Forschung untersucht, was passiert, wenn KI-Modelle zunehmend mit künstlich erzeugten Inhalten trainiert werden: Unter bestimmten Bedingungen verstärken sich Fehler und Verzerrungen. Ausgerechnet das authentische Original könnte so eine neue Bedeutung gewinnen. Ich bin überzeugt, dass gute Fotografie ihren Platz behält. Nicht, weil sie technisch perfekter ist als ein KI-Bild, sondern weil hinter ihr eine echte Begegnung, eine Beobachtung oder ein realer Moment stehen kann. Für uns heißt das: neue Technologien nutzen, ohne Erfahrung, Kreativität und das Gespür für die Geschichte eines Bildes aus den Augen zu verlieren. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist automatisch die beste Lösung. Und nicht alles, was unscheinbar wirkt, ist deshalb weniger interessant. Der Nacktmull ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel.
Warum ich solche Netzwerkabende schätze
Ein gutes Bild ist mehr als die Summe seiner Pixel.
Echt fotografiert oder KI-generiert?
DANKE
Herzlichen Dank an Herbert Ostwald für diesen außergewöhnlichen Vortrag und an Marc Häußler, Wilhelm Heidbrede und alle, die sich für das KompetenzNetz e. V. engagieren – für einen Abend, der bei mir noch nachwirkt. Ich freue mich auf das nächste Mal.
Markus Hirschmeier · Hirschmeier Media