Technik ist immer nur so gut wie der Mensch, der sie bedient
Von Hasselblad und den ersten Digibacks bis Phase One und KI: Warum sich unser Werkzeugkasten ständig verändert – und es trotzdem immer auf den Menschen dahinter ankommt.
Vor ein paar Tagen war ich zum Jahresempfang an der HSBI eingeladen. Für mich persönlich ist dieser Ort natürlich mehr als irgendeine Hochschule. Als ich dort Gestaltung studiert und später mein Diplom gemacht habe, hieß sie noch Fachhochschule Bielefeld.
Es war deshalb ohnehin ein Tag mit vielen Erinnerungen. Dass ausgerechnet Ewald Lienen dort einen Vortrag halten würde, hatte ich vorher nicht erwartet. Ich kenne ihn natürlich wie viele Bielefelder vor allem aus dem Fußball. An diesem Nachmittag ging es aber nur am Rande darum.
Er sprach über Erfolg, Motivation, Haltung und Charakter. Darüber, was einen Menschen eigentlich ausmacht, wenn man Titel, Status und Außenwirkung einmal weglässt. Ein Satz ist mir besonders in Erinnerung geblieben:
„Ich kann Menschen nicht motivieren. Ich kann ihnen nur dabei helfen, sich selbst zu motivieren.“
Das hat bei mir etwas angestoßen. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich als Unternehmer seit vielen Jahren mit genau dieser Frage beschäftige: Was treibt Menschen eigentlich an? Was bringt jemanden dazu, neugierig zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und nicht einfach nur das zu wiederholen, was gestern funktioniert hat?
Ein paar Tage später habe ich deshalb tatsächlich in alten Bildern aus meiner Studienzeit gekramt.
Und plötzlich saß ich da wieder zwischen Stativen, Hasselblad, Digiback und jeder Menge Kabeln.
Was ist von diesem Studenten eigentlich übrig geblieben?
Die vier Bilder in diesem Beitrag stammen aus einem Fashion-Projekt während meines Studiums. Geshootet haben wir damals in der Windelsbleiche. Wenn ich mir die Bilder heute ansehe, muss ich über einiges schmunzeln – gleichzeitig erkenne ich darin erstaunlich viel von dem wieder, was mich bis heute antreibt.
Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits selbstständig. Wenn weniger Kundenaufträge da waren, habe ich die Zeit ins Studium gesteckt. Nach fünf Semestern war ich scheinfrei. Nicht, weil ich unbedingt einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen wollte oder besonders strebsam war. Mir hat das schlicht wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Ein Projekt war abgeschlossen? Dann wollte ich das nächste machen. Eine Technik kannte ich noch nicht? Dann wollte ich verstehen, wie sie funktioniert.
Ich erinnere mich bis heute an meinen damaligen Professor Karl-Martin Holzhäuser, der mich nach meiner Aufnahme sinngemäß mit einem Satz begrüßte, der ziemlich gut zu dieser Zeit passte:
„Das Schwierigste hast du hinter dir. Du bist aufgenommen. Der Rest ist Kunst und kreativer Freiraum. Herzlich willkommen.“
Genau diesen Freiraum habe ich geliebt.
Eine Hasselblad war auch damals nur eine Hasselblad
Fotografie war zu dieser Zeit gerade mitten in einem gewaltigen Umbruch. Im Studium gehörten Rollfilm, Mittelformat, Dunkelkammer und Schwarz-Weiß-Labor selbstverständlich dazu. Gleichzeitig kamen die ersten professionellen digitalen Rückteile auf den Markt.
Die Hasselblad war damals schon eine meiner großen Lieben. Gleichzeitig fand ich die neuen digitalen Möglichkeiten mindestens genauso spannend. Ich wollte wissen, was damit geht.
Rückblickend war das vermutlich eine Haltung, die mich mein gesamtes Berufsleben begleitet hat.
Denn natürlich kann man sich in Technik verlieben. Das kenne ich selbst gut genug. Eine Hasselblad fühlt sich anders an. Ein professionelles Phase-One-Mittelformatsystem bietet heute eine Bildqualität und Datenbasis, die für bestimmte Produktionen außergewöhnliche Möglichkeiten eröffnet. Wir arbeiten bei Hirschmeier Media bis heute mit dieser Technik.
Aber weder damals noch heute entsteht ein gutes Bild, nur weil eine teure Kamera auf dem Stativ steht.
Die Technik kann Möglichkeiten schaffen. Die Entscheidung, was man mit diesen Möglichkeiten anfängt, trifft immer noch der Mensch dahinter.
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Der Werkzeugkasten ist immer größer geworden
Wenn ich meine berufliche Entwicklung rückblickend betrachte, bestand sie eigentlich aus einer ganzen Reihe solcher Veränderungen. Noch während meiner Ausbildung zum Technischen Zeichner habe ich sowohl am Zeichenbrett mit Tusche und Normschrift gearbeitet als auch erlebt, wie CAD Einzug hielt.
In der Fotografie folgte auf Film und Dunkelkammer das digitale Rückteil. Später kamen immer leistungsfähigere digitale Kamerasysteme, aufwendige Postproduktion, Film, 360-Grad-Techniken, CGI und 3D hinzu.
Heute sprechen wir über generative KI, automatisierte Workflows und KI-Agenten.
Natürlich sind diese Technologien nicht alle miteinander vergleichbar. Ihre Möglichkeiten und Auswirkungen sind völlig unterschiedlich. Was sich für mich aber wiederholt, ist die Frage, die jedes neue Werkzeug mit sich bringt:
Was können wir damit sinnvollerweise besser machen als vorher?
Nicht: Wie können wir möglichst viel davon einsetzen?
Gerade bei KI halte ich diesen Unterschied für enorm wichtig.
KI macht das Werkzeug mächtiger – nicht automatisch das Ergebnis besser
Wir beschäftigen uns bei Hirschmeier Media inzwischen seit Jahren intensiv mit künstlicher Intelligenz. Sie ist längst Bestandteil unserer Arbeit. Mal in der Bildproduktion, mal bei Bewegtbild, in Workflows, bei Automatisierungen oder inzwischen auch bei agentischen Lösungen.
Trotzdem würde ich einem Kunden niemals KI empfehlen, nur weil KI gerade das große Thema ist.
Manchmal ist eine klassische Fotoproduktion die beste Lösung. Manchmal fotografieren wir mit Phase One, weil wir genau diese Qualität und Flexibilität brauchen. In einem anderen Projekt ist CGI sinnvoller. An anderer Stelle eröffnet generative KI Möglichkeiten, die wir mit einer klassischen Produktion nur mit unverhältnismäßigem Aufwand erreichen könnten.
Immer häufiger kombinieren wir diese Welten.
Darin liegt für mich die eigentliche Veränderung: Wir haben heute nicht weniger Handwerk, sondern mehr Werkzeuge.
Das macht die Entscheidung allerdings nicht einfacher. Im Gegenteil.
Wer ein Bild erzeugen kann, weiß deshalb noch lange nicht, warum es funktioniert. Wer einen guten Prompt schreibt, besitzt nicht automatisch ein Gefühl für Licht, Perspektive, Komposition, Markenwirkung oder Storytelling. Wer einen Prozess automatisieren kann, hat noch nicht entschieden, ob dieser Prozess überhaupt sinnvoll ist.
Je mächtiger unsere Werkzeuge werden, desto wichtiger wird deshalb etwas, über das erstaunlich wenig gesprochen wird: Erfahrung und Urteilskraft.
Nicht das Werkzeug sollte die Idee bestimmen
Bei meiner Bewerbung für das Gestaltungsstudium hatte ich übrigens noch gar keine eigene professionelle Kamera. Als ich Jahre später meine Bewerbungsmappe wieder in der Hand hatte, fiel mir auf, dass die Bilder darin mit fünf oder sechs verschiedenen Kameras entstanden waren.
Ich hatte genommen, was verfügbar war und womit sich die jeweilige Idee umsetzen ließ.
Heute finde ich diesen Gedanken fast schöner als damals:
Nicht das Werkzeug bestimmte meine Idee. Die Idee bestimmte das Werkzeug.
Eigentlich versuchen wir bei Hirschmeier Media bis heute genau so zu arbeiten.
Aus Hirschmeier Fotodesign wurde irgendwann Studio Hirschmeier und später Hirschmeier Media. Nicht nur der Name hat sich verändert. Unser gesamter Werkzeugkasten ist heute ein anderer.
Trotzdem fotografieren wir weiterhin. Wir arbeiten weiterhin mit professionellem Mittelformat. Wir produzieren Film. Wir bauen CGI-Welten. Wir nutzen KI. Wir automatisieren Prozesse.
Die Frage lautet nicht: alt oder neu?
Die Frage lautet: Was bringt uns zur besten Lösung?