Die gefährlichste Droge Europas? Wohlstand.

Was ein Abend mit René Obermann über europäische Souveränität, technologische Abhängigkeit und die Chancen von KI im Mittelstand erzählt.

Der Abend ist gerade einen Tag her. Trotzdem lassen mich einige Gedanken noch nicht los.

Am 3. September war ich beim IHC Sommertreff der Wirtschaft in der Hotel-Residence Klosterpforte in Marienfeld. Im Mittelpunkt stand der Sommertalk mit René Obermann über ein Thema, das momentan kaum aktueller sein könnte: Europäische Souveränität und Resilienz.

Obermann betrachtet diese Fragen aus einer bemerkenswerten Perspektive. Als Chairman von Warburg Pincus Europe, Aufsichtsratsvorsitzender von Airbus und ab 2027 designierter Aufsichtsratsvorsitzender von SAP kennt er Technologie, Kapitalmärkte und Industrie aus unmittelbarer Nähe.

Und er wurde an diesem Abend ziemlich deutlich:

Wir seien gesellschaftlich zu behäbig geworden, zu verweichlicht und zu verwöhnt.

Das muss man erst einmal sacken lassen.

Wenn Wohlstand zur Komfortzone wird

Natürlich ist Wohlstand zunächst einmal etwas Positives. Er ist Ergebnis von Arbeit, Innovation, wirtschaftlicher Stärke und funktionierenden gesellschaftlichen Strukturen.

Aber was passiert, wenn Erfolg über Jahrzehnte auch die Bereitschaft reduziert, unbequeme Entscheidungen zu treffen?

Vielleicht haben wir uns in Europa tatsächlich zu lange darauf verlassen, dass es schon gut gehen wird.

Dass unsere Industrie stark bleibt. Dass Energie verfügbar ist. Dass internationale Lieferketten funktionieren. Dass andere Staaten zentrale Technologien bereitstellen. Und dass wirtschaftliche Verflechtung allein schon genügend Stabilität erzeugt.

Der Krieg in der Ukraine und das Verhältnis zu Russland zeigen, wie schnell vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten können.

Beim Sommertalk ging es deshalb auch um hybride Angriffe auf Energie, Logistik und digitale Infrastruktur. Um Abhängigkeiten bei Schlüsseltechnologien. Um Rechenkapazitäten, Daten, Sensorik und die Frage, wie handlungsfähig Europa im Ernstfall tatsächlich noch ist.

Ein Satz aus der anschließenden Diskussion ist mir besonders in Erinnerung geblieben:

„Die größte strategische Gefahr ist nicht die Zerstörung einer Fabrik. Es ist die Zerstörung unserer Einheit.“

Der Satz stammt aus der Diskussion des Abends – nicht von René Obermann selbst. Aber er bringt einen Gedanken auf den Punkt, der weit über klassische Verteidigung hinausgeht.

Resilienz betrifft heute auch Energieversorgung, Kommunikationsnetze, Daten, Software, Logistik und gesellschaftliches Vertrauen.

Und damit ist Resilienz längst ein Wirtschaftsthema.

Technologische Abhängigkeit ist auch ein unternehmerisches Risiko

Für mich lag darin eine der interessantesten Verbindungen des Abends.

Wir diskutieren über digitale und technologische Souveränität häufig auf europäischer oder nationaler Ebene. Dabei stellt sich dieselbe Frage längst in jedem Unternehmen:

Welche Fähigkeiten beherrschen wir selbst – und wo sind wir vollständig von Systemen anderer abhängig?

Das bedeutet nicht, jede Software selbst zu programmieren oder sämtliche Technologien im eigenen Haus aufzubauen.

Aber wir sollten verstehen, welche Systeme für unsere Wertschöpfung entscheidend sind. Wo unsere Daten liegen. Wie Prozesse miteinander verbunden sind. Welche Alternativen bestehen. Und was passiert, wenn ein Dienst plötzlich nicht mehr verfügbar, bezahlbar oder politisch gewollt ist.

Souveränität bedeutet für mich deshalb nicht Autarkie.

Souveränität bedeutet Handlungsfähigkeit.

Wir werden das KI-Rennen nicht einfach nachholen

Gerade bei künstlicher Intelligenz wird Europas technologische Abhängigkeit besonders sichtbar.

Die großen Modelle, Plattformen und Infrastrukturen entstehen derzeit vor allem in den USA und China. Zu glauben, Europa könne diesen Vorsprung einfach durch ein paar Förderprogramme aufholen, wäre aus meiner Sicht zu bequem.

Aber daraus folgt nicht, dass der Mittelstand beim Thema KI nur Zuschauer sein kann.

Im Gegenteil.

Ein Gedanke aus dem Abend hat mich deshalb in meiner eigenen unternehmerischen Transformation besonders bestärkt:

Wir können im Kleinen anfangen. Sehr konkret.

Nicht mit dem Anspruch, den nächsten globalen KI-Giganten zu bauen.

Sondern mit kleinen Teams, überschaubaren Systemen und individuellen KI-Lösungen für konkrete Aufgaben.

Was KI im Mittelstand tatsächlich leisten kann

Genau an diesem Punkt verändert sich auch unsere eigene Arbeit bei Hirschmeier Media zunehmend.

Wir beschäftigen uns längst nicht mehr nur damit, wie KI Bilder, Texte oder Filme erzeugen kann. Viel spannender wird die Technologie dort, wo unterschiedliche Systeme sinnvoll zusammenspielen und daraus konkrete Verbesserungen im Arbeitsalltag entstehen.

Das können kleine KI-gestützte Automatismen sein, die wiederkehrende Arbeitsschritte übernehmen. Systeme, die Informationen strukturieren und verfügbar machen. Individuelle Workflows, die Daten, Kommunikation und Content miteinander verbinden. Oder KI-Agenten, die klar definierte Aufgaben innerhalb eines Prozesses unterstützen.

Nicht alles, was technisch möglich ist, ist dabei automatisch sinnvoll.

Gerade mein Hintergrund in Gestaltung und visueller Kommunikation hat mich gelehrt, dass ein gutes Werkzeug allein noch kein gutes Ergebnis erzeugt. Entscheidend bleibt, wie ein System aufgebaut ist, welche Informationen es bekommt und welcher Mensch am Ende beurteilt, was wirklich relevant ist.

KI ersetzt dieses Urteil nicht.

Sie kann aber dabei helfen, schneller zu erkennen, besser zu strukturieren und Routine dort zu automatisieren, wo sie keinen zusätzlichen menschlichen Wert schafft.

Das ist weniger spektakulär als die nächste große KI-Ankündigung.

Aber wirtschaftlich kann genau das sehr interessant sein.

Was bedeutet technologische Souveränität für den Mittelstand?

Für mich bedeutet sie nicht, sich von internationalen Technologien abzuschotten.

Sie bedeutet vielmehr, nicht vollständig von ihnen abhängig zu sein.

Unternehmen sollten verstehen, welche Technologien sie einsetzen, welche Daten dafür notwendig sind und welche Teile ihrer Prozesse strategisch wichtig sind.

Sie sollten eigene Kompetenz aufbauen, statt jede technologische Entscheidung vollständig auszulagern.

Und sie sollten KI nicht einsetzen, weil gerade jeder über KI spricht, sondern dort, wo ein klarer wirtschaftlicher Nutzen entsteht.

Das kann Effizienz sein.

Es kann aber ebenso um Qualität, Geschwindigkeit, Wissenstransfer, bessere Kommunikation oder die Fähigkeit gehen, Veränderungen früher zu erkennen.

Vielleicht beginnt technologische Souveränität im Mittelstand viel unspektakulärer, als wir denken: damit, wieder mehr selbst zu können.

Mehr verstehen.
Eigene Lösungen entwickeln.
Abhängigkeiten bewusst reduzieren.

Warum mich der Abend trotz allem zuversichtlich gemacht hat

Bei allen ernsten Themen bin ich nicht pessimistisch aus der Klosterpforte nach Hause gefahren.

Im Gegenteil.

Für mich persönlich war der Abend auch eine Bestätigung, die Transformation, in der wir uns bei Hirschmeier Media gerade befinden, konsequent weiterzugehen.

Nicht jedem neuen KI-Tool hinterherzulaufen. Nicht Technologie um der Technologie willen einzusetzen.

Sondern genauer hinzusehen:

Wo entsteht ein konkreter Nutzen? Welche Prozesse können wir intelligenter gestalten? Und welche Fähigkeiten sollten Unternehmen wieder stärker selbst beherrschen?

Das sind für mich inzwischen wesentlich spannendere Fragen als die nächste Meldung über ein noch größeres KI-Modell.

Der eigentliche Wert beginnt oft nach dem Vortrag

Genau solche Veranstaltungen machen den IHC für mich zu einem wertvollen Netzwerk.

Natürlich gehört dazu auch der Rahmen. Die Klosterpforte hat den Sommertreff wieder hervorragend begleitet – bis hin zur Kulinarik.

Aber der eigentliche Wert entsteht für mich durch die Menschen.

Durch einen Vortrag, an dem man sich reibt. Durch eine andere Perspektive am Tisch. Durch Gespräche, die einen Gedanken noch einmal drehen und manchmal auch die eigene Position infrage stellen.

Das war an diesem Abend deutlich zu spüren.

Obermanns Gedanken waren mit dem Ende des Sommertalks jedenfalls noch lange nicht beendet. Sie wurden an den Tischen weiterdiskutiert – und beschäftigen mich auch am Tag danach noch.

Man geht anders nach Hause, als man gekommen ist.

Und manchmal entsteht aus einem unbequemen Gedanken sogar etwas sehr Positives: die Bestätigung, den eigenen Weg konsequenter weiterzugehen.