KI, Streaming und die neue Logik der Aufmerksamkeit
Was der Vortrag von RTL-CEO Stephan Schmitter bei Bertelsmann über unsere Medienzukunft verraten hat.
Am 19. Mai 2026 durfte ich im Rahmen der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des Industrie- und Handelsclub Ostwestfalen-Lippe (IHC) bei Bertelsmann in Gütersloh einen Abend erleben, der bei mir deutlich länger nachhallt als viele klassische Technologie- oder KI-Veranstaltungen.
Nicht, weil dort besonders laut über künstliche Intelligenz gesprochen wurde. Sondern weil sehr klar wurde, wie tiefgreifend KI, Streaming und Plattformlogiken bereits heute unser Verhalten, unsere Aufmerksamkeit und unsere Sehgewohnheiten verändern.
Stephan Schmitter, CEO von RTL Deutschland, hat die Transformation der Medienwelt bemerkenswert offen, klar und gleichzeitig sehr menschlich eingeordnet. Keine reine Zahlenpräsentation. Keine aufgesetzte Zukunftsrhetorik. Sondern ein ehrlicher Blick auf eine Branche unter massivem Veränderungsdruck. Und genau das machte den Abend so wertvoll.
Die Medienbranche konkurriert längst nicht mehr gegeneinander
Ein Satz blieb mir während des gesamten Abends immer wieder im Kopf: Die Medienbranche konkurriert heute nicht mehr nur um Zuschauer. Sondern um Aufmerksamkeit.
Und genau diese Aufmerksamkeit verändert sich aktuell dramatisch. „Seit 2019 ist die lineare TV-Nutzung bei den 14–29-Jährigen um rund 65 % zurückgegangen.“ Allein diese Zahl zeigt bereits, warum sich gerade komplette Geschäftsmodelle verändern.
Denn die Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur Fernsehen.
Sie betrifft:
– Streaming
– Social Media
– Werbung
– Storytelling
– Bildung
– Kommunikation
– Markenführung
– und letztlich unseren gesamten Alltag
Besonders spannend fand ich die Einblicke in sogenannte „Microdramen“. KI-gestützte Kurzformate aus dem asiatischen Raum, oft nur 60 Sekunden lang. Emotional verdichtet. Maximal schnell erzählt. Jede Episode endet mit einem Trigger für den nächsten Clip.
Das Ziel:
Menschen möglichst lange im System halten. Technologisch faszinierend. Gesellschaftlich gleichzeitig durchaus beunruhigend.
Warum Filme plötzlich „rückwärts“ erzählt werden
Ein Gedanke hat mich dabei besonders beschäftigt: Früher gaben Zuschauer einem Film oft mehrere Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob er sehenswert ist. Heute fällt diese Entscheidung teilweise bereits innerhalb von rund 60 Sekunden. Und genau deshalb verändern sich inzwischen sogar klassische Dramaturgien. Filme und Serien starten heute teilweise mit Szenen vom Ende, um sofort Spannung aufzubauen und Zuschauer emotional im Format zu halten.
Streamingplattformen orientieren sich dadurch zunehmend an Mechaniken, die wir eigentlich eher aus TikTok, Reels oder Social-Media-Algorithmen kennen.
Die Folge: Inhalte werden kürzer. Schneller. Emotionaler. Dichter erzählt.
Nicht maximale technische Perfektion entscheidet künftig über Reichweite.
Sondern:
– Dramaturgie
– Storytelling
– emotionale Trigger
– und die Fähigkeit, Aufmerksamkeit überhaupt noch zu erreichen
Gerade die „Microdrama“-Logik zeigt, wohin sich Medien aktuell entwickeln. Ein klassischer 90-Minuten-Film könnte theoretisch in dutzende kurze Episoden zerlegt werden, optimiert für Smartphone-Nutzung, maximale Wiedergabedauer und permanente emotionale Aktivierung. Und genau dort beginnt eine Entwicklung, die weit über Unterhaltung hinausgeht.
KI verändert nicht nur Content, sondern Verhalten.
Als jemand, der sich täglich mit visueller Kommunikation, Bildwelten, Film, KI-gestützten Medienprozessen und Storytelling beschäftigt, finde ich diese Entwicklung gleichzeitig faszinierend und nachdenklich stimmend. Denn die Qualität KI-gestützter Produktionen entwickelt sich aktuell in einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.
Auch wir erleben bei Hirschmeier Media inzwischen täglich, wie stark KI kreative Prozesse verändert:
– in der Bildentwicklung,
– in Videoprozessen,
– im Storytelling,
– in der visuellen Dramaturgie
– und in der Geschwindigkeit von Contentproduktion.
Die eigentliche Veränderung liegt dabei aber nicht nur in der Technologie selbst. Sondern darin, wie diese Technologien unsere Wahrnehmung beeinflussen. Denn wenn ganze Generationen mit extrem kurzen Spannungsintervallen aufwachsen, verändert das langfristig:
– Konzentration
– Ruhe
– Lernverhalten
– Medienkonsum
– Aufmerksamkeit
– und soziale Gewohnheiten
Gerade als Vater beschäftigt mich dieser Gedanke zunehmend. Denn Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Medienwelt auf, die Aufmerksamkeit permanent beschleunigt. Und vermutlich unterschätzen wir gesellschaftlich aktuell noch massiv, welche langfristigen Auswirkungen diese Entwicklung haben wird.
„YouTube ist der Sleeping Giant.“
Denn während viele noch über einzelne KI-Tools diskutieren, verändern Plattformen längst komplette Wahrnehmungs- und Konsummuster. Streaming. KI. Personalisierung. Microcontent. Social Media.
Alles wächst gerade zusammen. Gleichzeitig wurde an diesem Abend auch deutlich, wie wichtig starke europäische Medien- und Plattformstrategien künftig werden. Die strategische Ausrichtung rund um RTL+, die Sky-Übernahme sowie der Versuch, einen europäischen Gegenpol zu amerikanischen Tech- und Streaming-Giganten aufzubauen, zeigt: Hier geht es längst nicht mehr nur um Unterhaltung. Sondern um kulturelle, wirtschaftliche und mediale Souveränität.
Ostwestfalen-Lippe denkt oft zukunftsorientierter, als viele glauben
Was mich persönlich ebenfalls beeindruckt hat: Solche Gespräche finden nicht nur in Berlin, München oder im Silicon Valley statt. Sondern mitten in Ostwestfalen-Lippe. Gerade Unternehmen und Unternehmerfamilien wie die Familie Mohn zeigen, wie wichtig langfristiges Denken, Investitionen und strategische Innovationsbereitschaft für unsere Region sind. Ohne solche unternehmerischen Entscheidungen wären viele dieser Entwicklungen und Plattformstrategien vermutlich kaum möglich.
Der Abend hat für mich erneut gezeigt: Ostwestfalen-Lippe denkt häufig deutlich internationaler, technologischer und zukunftsorientierter, als viele außerhalb der Region vermuten.
Fazit
Die eigentliche Frage ist vermutlich längst nicht mehr, OB KI unsere Medienwelt verändert. Sondern wie stark sie bereits unser Verhalten, unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Technologisch ist diese Entwicklung faszinierend. Gesellschaftlich wird sie uns vermutlich deutlich stärker verändern, als vielen heute bewusst ist.
Vielen Dank an Stephan Schmitter für diesen außergewöhnlich offenen und inspirierenden Vortrag. Ebenso ein großes Dankeschön an den Industrie- und Handelsclub Ostwestfalen-Lippe, Christoph Mohn sowie Bertelsmann für die Gastfreundschaft und den wertvollen Rahmen für diesen Austausch.
Ein paar Schnappschüsse des Abends haben wir außerdem aus der freien Hand festgehalten, um die Atmosphäre und die Eindrücke dieses besonderen Austauschs zumindest visuell ein wenig einzufangen 🙂